Blasen-Gedöns

Wenn ich das Unwort des Jahres 2017 aussuchen dürfte, wäre meine Wahl klar: „Filterblase“.

Was für ein hohler, nichtssagender Begriff. Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen …

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In der ‚Filterblase‘ sind immer die Anderen

Das Sein in der „Filterblase“ wird in der Regel denjenigen zugeschrieben, die eine andere Meinung haben. Es ist mittlerweile vor allem ein Kampfbegriff. Eine Killerphrase.

Dabei sitzen Menschen, die Andere in einer „Filterblase“ sehen, oft selber in einer.

Denn …

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Jeder sitzt in seiner ‚Filterblase‘

AfD-Wähler, SPD-Mitglieder, Berliner Spitzenpolitiker, Parteivolkzugehörige, Greenpeace-Jünger, Technik-Freaks, Spitzenmanager, Biobauern, Fussballspieler, Gottesdienstbesucher, Netflix-Abonnenten, Tagesthemen-Schauer, Angestellte im öffentlichen Dienst, Freiberufler, Sportschau-Gucker, Arte-Seher, Lehrer, Schüler, …

Alles „Filterblasen“!

Parallelrealitäten, mit jeweils eigenen Gesprächsthemen, Informationsquellen und Wertesystemen. Natürlich auch mit ‚Grenzgängern‘ und teilweise Überlappungen.

Jeder Schüler, der morgens in der Schule und nachmittags Zuhause in zwei verschiedenen Welten lebt, weiß sofort, wovon ich rede. Bei Wissenschaftlern spricht man schon immer vom „Elfenbeinturm“, der nichts anderes ist als eine „Filterblase“. Die Menschen in meinem Heimatdorf wohnen in einer anderen Welt mit anderen Themen, Werten und Interpretationen als die Menschen in Berlin-Kreuzberg. Beide leben in Deutschland, beide leben in ihren eigenen „Filterblasen“. Schon immer.

Denn …

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‚Filterblasen‘ hat es schon immer gegeben

Irgendwie scheinen „Filterblasen“ als neues Phänomen des digitalen Lebens gehypt zu werden. Sind sie aber nicht. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, leben Menschen auch außerhalb von Internet und Social Media in „Filterblasen“. Haben sie immer schon getan.

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Also … „Filterblase“? … so what!

Der Fake-News-Check

Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?
5. Der Fake-News-Check

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Der letzte Teil der Miniserie ‚Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?‘ ist eine Checkliste mit deren Hilfe man mögliche Fake News, Hoaxes und moderne Sagen erkennen kann.

Wenn eine Meldung 4 oder mehr Kriterien erfüllt, ist sie mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Fake News.

Merkmal Ja!
Ich lese die Nachricht in Social Media (z.B. Facebook).
Es wird aufgefordert, die Nachricht zu teilen/weiter zu verbreiten.
Die Nachricht warnt vor irgendetwas.
Die Nachricht stellt überspitzt dar.
Die Nachricht ist emotional geschrieben/verfasst.
Die Nachricht macht mich wütend bzw. regt mich auf.
Die Nachricht verwendet Allgemeinplätze.
Formulierungen sind schwammig oder widersprüchlich.
Die Nachricht ist meinungsstark oder bezieht eindeutig Position.
(aber nicht als Kommentar oder Glosse markiert)
Die Nachricht unterscheidet klar gut/böse und ist wenig differenziert.
Der Charakter von Personen wird „kritisch“ betrachtet.
Es wird eine Geheimorganisation oder eine alles kontrollierende Gruppierung erwähnt.
Datum der Nachricht nicht aktuell oder kein Datum angegeben.
Fehlen Beweise/Belege für einzelne Behauptungen.
Es wird keine Quelle für enthaltene Informationen angegeben.
Wenn ich auf das Link zur Quelle klicke lande ich woanders.
Bei der angegeben Quelle findet sich die Nachricht/Information nicht.
Die angegebene Quelle existiert nicht.
Behauptungen lassen sich nicht verifizieren.
Die Nachricht wird von staatlich kontrollierten Medien verbreitet
(z.B. RussiaToday).
Die  Quelle hat kein Impressum.
Die Nachricht findet sich nur bei einer Quelle
(bzw. bei nahe verwandten Medien)
Bilder passen nicht zum Text.
Bilder sind geklaut und/oder zeigen eigentlich etwas anderes.
Die Nachricht ist bei mimikama.at gelistet.
Der Domainname der URL (Webadresse) passt irgendwie nicht.
Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas mit der Nachricht nicht stimmt.

 


Websites, die Fake News listen …

 

8 schnelle Tricks für die tägliche Nachrichtenlektüre (Miniserie ‚Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?‘)

Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?
4. Die Quelle

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Das bekommt man immer wieder um die Ohren geschlagen …

Man – möge – doch – bitte – die Quelle(n) prüfen.

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Nur … leichter gesagt als getan!

Soll ich wirklich jedes Mal losrennen und gegenprüfen, ob eine Nachricht oder Information aus einer seriösen Quelle stammt?

Kann ich das? Will ich das?

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Für Profis

… wie Journalisten, professionelle Rechercheure und Analysten gehört eine intensive Quellenprüfung tatsächlich zur täglichen Routine (sollte es zumindest). Wie das Checken der Instrumente vor dem Abflug eines Flugzeuges. Lästig, aber muss halt, wenn man Wert auf Zuverlässigkeit und Qualität legt.

Dabei werden Informationen kritisch hinterfragt und gegengeprüft …

  • Sind enthaltene Kerninformationen plausibel? Kann ein ein Ereignis zu dem genannten Datum überhaupt stattgefunden haben, oder können genannte Personen tatsächlich zum Datum am genannten Ort gewesen sein, etc.
  • Gibt es nur eine einzige Quelle für die Information/Nachricht, oder wird sie durch unterschiedliche Quellen bestätigt?
  • Und ist die Information in den unterschiedlichen Quellen konsistent? Falls es Abweichungen gibt, welche … und warum?
  • Falls es mehrere Quellen gibt, sind diese wirklich unabhängig voneinander, oder hat am Ende nur einer vom anderen abgekupfert?
  • Kann jemand die Nachricht persönlich bestätigen? Ein Beteiligter, ein Zeuge, ein Vertreter einer genannten Institution? Ist diese Person glaubwürdig?
  • Und so weiter und so fort …

Ganz wichtig ist für den Profi auch die Frage „qui bono?; also, wer einen Nutzen von der Streuung der Information/Nachricht zum aktuellen Zeitpunkt haben könnte. Und ob es eine Verbindung zwischen möglichen Nutznießern und der Quelle gibt. Oft sehr erhellend.

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Für meine täglichen Nachrichtenlektüre

… geht das natürlich zu weit. Ich will ja entspannt lesen.

Aber ein paar einfache Dinge gibt es schon, auf die ich achte

  1. Meine Grundeinstellung. Ich mache mir bewusst, dass es keine absolut neutrale Quelle gibt. Ich gehe pauschal davon aus, dass jede Nachricht/Information eine Interpretation enthält.
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  2. Ignoriere Facebook & Co. Soziale Medien eignen sich grundsätzlich nicht als zuverlässige Informationsquellen. Punkt. Leider vermischen sich dort gute Informationen mit einem grossen Haufen Mist. Und es ist wirklich schwierig beides sauber auseinander zu halten.
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  3. Breit informieren. Je nach Zeit und Möglichkeit lese bzw. konsumiere ich unterschiedliche Nachrichtenquellen. Tageszeitung, Wochenzeitung, verschiedene Newsportale, Radiosender und TV-Nachrichtensendungen, und wenn es sich ergibt auch mal gerne eine englischsprachige Zeitung oder Nachrichtensendung gegen den Binnenblick.
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  4. Taucht dieselbe Nachricht bei mehrere seriösen Quellen auf? Lese ich eine Information tagsüber in meiner Zeitungs-App, höre sie später im Radio und sehe sie am Abend in den Nachrichten, schreibe ich ihr eine höherer Zuverlässigkeit zu.
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  5. Was ist die Schnittmenge? Ich achte darauf, wie dieselbe Nachricht in unterschiedlichen Quellen formuliert wird und was trotz unterschiedlicher Interpretation und Schwerpunktsetzung der gemeinsame Kern ist? Welche Informationen sind trotz unterschiedlicher Interpretationen konsistent und immer enthalten?
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  6. Wie ist eine Nachricht geschrieben? Ich achte darauf, wie eine Nachricht verfasst ist. Welche Sprache wird verwendet? Werden einseitig besetzte Begriffe eingesetzt? Ist die Nachricht emotional formuliert (siehe ‚3. Wut‘)? Will sie mich aufregen, mich wütend machen? Gibt es eine „mythische Gruppe“ (siehe ‚1. Die mythische Gruppe‚)? Werden Behauptungen aufgestellt aber nicht bewiesen (siehe ‚2. Beweislastumkehr‚)?
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  7. Keine staatlich kontrollierten/beeinflussten Medien. Haben Informationen von ARD, ZDF, der WELT, der Süddeutschen oder DIE ZEIT für mich einen höherer Stellenwert als beispielsweise von RussiaToday und anderen staatlich kontrollierten Medien.
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  8. Fähigkeit zur Selbstkritik. Für mich haben Nachrichten und Informationen aus Quellen, die Fehler zugeben, eine höhere Wertigkeit. Spricht auch eher für die ARD als für RT.

Und immer wieder: cui bono? …!

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Manipulation durch Emotionen (Miniserie ‚Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?‘)

Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?
3. Wut

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Fake News sind oft wütend formuliert … aber wollen auf jeden Fall Wut auslösen. Sie zielen bewusst darauf ab, Emotionen zu erzeugen.

Denn Emotionen und vor allem Wut schalten das sachlich-kritische Nachdenken ab, und verführen dazu, eine Geschichte unreflektiert und ungeprüft weiter zu verteilen. Fake News sind wie Viren, sie wollen anstecken und befallen, Menschen und Gehirne. Und Wut ist Einfallstor und Futter für den Virus.

Wollen Sie Virenfutter sein?

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Ich werde mittlerweile vorsichtig, wenn mich eine Nachricht aufregt, wütend macht, oder traurig, oder betroffen. Merke ich also, dass eine Geschichte oder Nachricht starke Emotionen bei mir weckt, dann halte ich bewusst inne … und hinterfrage und recherchiere nach. Bevor ich einer falschen Geschichte auf den Leim gehe, bloß weil sie mich wütend macht.

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Deshalb:
  • Kopf anschalten und kritisch bleiben
  • bei Geschichten und Nachrichten, die aufregen, vorsichtig werden,
  • und sich nicht von emotionalisierten Bildern oder Geschichten manipulieren lassen

„Beweis mir doch das Gegenteil!“ (Miniserie ‚Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?‘)

Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?
2. Die Beweislastumkehr

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Mies aber effektiv.

Etwas behaupten, und beim kritischen Nachfragen kommt ein Spruch wie „beweis mir doch, dass es nicht so ist!“

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Nein, liebe Freunde der Weltverschwörung. Die Beweispflicht liegt grundsätzlich bei demjenigen, der eine Behauptung aufstellt.

Wenn ich behaupten würde, es gäbe einen Mann im Mond, dann müsste auch ich die Existenz eines Mannes im Mond beweisen. Da ich das nicht kann, halte ich meine Klappe, so schön die Vorstellung auch wäre.

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Ich befürchte allerdings, dass sich der typische Verschwörungsanhänger dieser einfach Logik entzieht. Also gibt es weiterhin Bücher über diverse Weltverschwörungen, Merkels Masterplan zur Abschaffung des deutschen Volkes, den Imperialismus von EU und NATO, die Nichtexistenz der Bundesrepublik Deutschland, krankmachende Impfungen, Krebsheilung durch hochdosierte Vitamine, Chemtrails, dass die Amerikaner nie auf dem Mond gewesen wären, die angeblichen Inszenierung von 9/11, die Scheibentheorie , UFOs, Nessie, den Yeti, und möglicherweise auch über einen Mann im Mond.

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Ich muss allerdings zugeben, dass es einen Vorteil gibt, sich auf diese falsche Denke einzulassen. So kann ich ganz entspannt alle Verschwörungsanhänger, Impfgegner, Volksretter, UFO-Jäger, Vitaminfanatiker, etc. zu durchgeknallten, neurotischen Spinner deklarieren … … … beweis‘ mir doch das Gegenteil!

Mythische Gruppen und Geheimorganisationen (Miniserie ‚Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?‘)

Wie erkenne ich Fake News und moderne Sagen?
1. Die mythische Gruppe

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In sozialen Netzwerken kursieren immer wieder Falschmeldungen (‚fake news‘, ‚hoaxes‚) und moderne Sagen.

Diese haben sehr oft als – selbstredend bösen – Protagonisten eine mythische Gruppe, anonym, amorph, und oft ‚geheim'(nisvoll). Beispiele gefällig?

  • „die USA und die CIA“ … ein beliebter Klassiker
  • „der militärisch-industrielle Komplex“ … vormals sehr beliebt in linksintellektuellen Kreisen, ist aber irgendwann irgendwie abhanden gekommen
  • „die Atomkraftlobby“ … die sich allerdings mittlerweile irgendwie selber atomisiert hat
  • „die Pharmaindustrie“ … wobei sich Insider bei der Vorstellung totlachen
  • „die jüdische Weltverschwörung“ … als Vorstellung sehr bekloppt, aber leider unkaputtbar
  • „die Eliten“ … hallo! … gleich mehrere?
  • „die etablierten Parteien“ … gerne von Parteigängern vorgworfen, die sich selber gerade etabliert haben
  • „DIE Lügenpresse“ … warum habe ich dabei immer einen kleinen, grauen, zeternden älteren Herren mit verbissenem Gesicht vor Augen?
  • „DIE Flüchtlinge“ … war in den 50ern schon mal beliebt … jetzt wieder da
  • „DIE Klimalobby“ … aber auch gerne alternativ „DIE Klimaleugner“
  • etc. pp.

Übrigens immer gerne mit dickem, fetten, grossen, dreifach unterstichenem „DIE“ („DIE Pharmaindustrie“ zum Beispiel). Ein verbaler Zeigefinger, fest, bestimmt und unumstösslich ausgestreckt in Richtung des unsagbar Bösen.

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Die mythische Gruppe bzw. Geheimorganisation zeichnet sich dadurch aus, dass sie …

  1. ein Mythos ist, also nicht real existiert,
  2. aber die sich als als fiktive Projektsfläche eignet, um ihr pauschal das ganze Unglück der Welt zuzuschreiben, wie Hexen, Drachen oder die Anhänger Lord Voldemorts,
  3. sich auch keiner gegen Vorwürfe gegen diese Gruppe wehrt, weil sich erstmal gar keiner angesprochen fühlt oder es einfach real niemanden gibt, der sich angesprochen fühlen könnte,
  4. und die Vorstellung der bösartigen, formlosen Masse einen grusligen Schauer erzeugt, ähnlich wie der Anblick des Raubzuges einer wimmelnden Wanderameisenkolonie im brasilianischen Regenwald.

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Ich denk mir nur immer … bei all den vielen aktiven, geheimen Gruppierungen, die alle irgendwie eine Art Weltherrschaft anstreben … müssten die sich doch eigentlich gegenseitig ganz schön ins Gehege kommen, oder?

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Lange Rede, kurzer Sinn:

Verwendet eine Nachricht oder Geschichte eine mythische Gruppe oder Geheimorganisation, dann ist es mit Sicherheit eine ‚fake news‘ bzw. eine moderne Sage (= Lügengeschichte).

Trumpomania

Ich bin genervt!!!

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass es mit der US Präsidentenwahl endlich vorbei ist. Aber seit Donald Trump tatsächlich zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, schrauben sich echte Aufregung, künstliche Aufregung und der opportune Trump-Alarmismus in ungeahnte Höhen.

Auf allen Kanälen wird man weiterhin zugeballert, wie die Amis uns das bloß antun konnten und wie schlimm es sei und wohin das noch alles führen soll. Eine subtile Mischung aus „der Gruselclown im Oval Office“ und „Das Ende ist nah!!!“

Hej, Leute. Füsse auf den Boden! Trump ist nicht der erste Schwachmatiker im Amt, und er wird auch nicht der letzte sein.

Der Präsident der russischen Föderation, ein ausdrücklich gefährlicher Mann, der seine Minderwertigkeitskomplexe in Schulhofrüpelmanier auslebt und gleichzeitig sein Land in Grund und Boden wirtschaftet, wird von seinem Volk mit grosser Mehrheit unterstützt und verehrt … und finden selbst bei uns verirrte Anhänger.

Der egomanische Präsident der türkischen Republik bricht im Akkord die Gesetze seines Landes, entzündet vorsätzlich und aus politischem Eigennutz den bewaffneten Konflikt mit den Kurden neu und zieht einen kalten faschistischen Putsch durch … und wird von großen Teilen seines Volkes geliebt.

Die Griechen haben einen linksextremen Parteifunktionär zum Ministerpräsidenten gewählt, der als Lebensleistung aber auch sowas von absolut gar nichts vorzuweisen hat außer der grundsätzlichen Bereitschaft, sein Land mit Vollgas gegen die Wand zu fahren.

Die Briten sind mit wehenden Fahnen und abgeschaltetem Frontallappen den Lügen exzentrischer Populisten wie Farage und Johnson in den Brexit gefolgt.

Selbst im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘ gab es bereits vor einen abgehalfterten B-Movie Schauspieler, der sich von seiner Astrologie-fanatischen Ehefrau beraten ließ, (R Reagan) sowie einen grenzdebilen Von-Beruf-Sohn (GW Bush). Ersterer wird von wesentlichen Teilen seines Volkes bis heute als Ausnahmepräsident verehrt.

Last not least, gab es mal einen deutschen Bundeskanzler, der seine Wiederwahl vor allem mit populistischem Oderflut-Heldenepos und berechnender Antikriegsrhetorik gewann.

 

Demokratie heißt nicht, dass immer der oder die Beste gewählt wird bzw. ins Amt kommt. Und Demokratie heißt, dass potenziell jeder in ein Amt gewählt werden kann, es gibt keine Mindestqualifikationskriterien. Wenn dem nicht so wäre, wäre es keine Demokratie sondern Oligarchie (der definiert Befähigten).

Eine gute Demokratie hält Amtsträger wie Trump aus. Und überzeugte Demokraten sollten das auch …

… mit einer guten Portion Gelassenheit.

„Wie mit der AfD umgehen?“ – Anregung von Journalisten für Journalisten

In der Ausgabe vom 15. September 2016 (#39) veröffentlichte eine Gruppe von Redakteuren der ZEIT eine Manifest, wie Journalisten mit der AfD umgehen sollten. Der Text wollte als Debattenbeitrag verstanden werden und die Debatte bereichern.

Ich war beim Lesen spontan beeindruckt. Ein längst überfälliger Diskussionsbeitrag, von „Betroffenen“ für Betroffene. In vielen Aspekten Gedanken ausformulierend, die auch mich schon seit einiger Zeit umtreiben.

Ich möchte in die noch recht stille Arena der Debatte gerne meinen Hut werfen. Lassen Sie mich die Kernthesen kurz auflisten, und meine persönliche Sicht direkt anzufügen. Die Veröffentlichung der Thesen mit Begründungen finden sich im Onlinearchiv der ZEIT.

Los geht’s …

 

„1. Nicht immer dazusagen, wie schlimm die AfD ist“

Ich selber wähle die AfD nicht, weil die Partei meiner Meinung nach die falschen Lösungsvorschläge und Konzepte hat. Und nicht ‚weil es die AfD ist‘. Die verbreitete Dämonisierung der Partei ist unprofessionell und etwas für Menschen mit schwachem Langzeitgedächtnis.

Ich erinnere mich noch an das Auftauchen eines andere Außenauslegers, in dem sich unter anderem Extremisten zahlreicher Strömungen sammelten. Auch als die Vorläufer der Partei Die Linke die Bühne betraten, gab es Sozialdemokraten, welche deren Vertreter keines Blickes würdigten und Ihnen die Hand nicht geben wollten. Und heute … wird seit Jahren auf Länderebene fröhlich koaliert und sogar mit einer gemeinsamen Regierung auf Bundesebene kokettiert. Ich hatte da ein echtes  déjà-vu, als der SPD-Ministerpräsident am Wahlabend den AfD-Vertreter nicht anschauen wollte. Auf mich wirkte das mehr wie Kindergarten denn wie souveränes Verhalten.

 

„2. Die AfD nicht mit Rechtsextremen und Neonazis gleichsetzen“

Die Partei Die Linke ist eine etablierte politische Kraft in Deutschland … und am linken Rand was die AfD am rechten ist. Eine Flügelspitzenpartei, die unter anderem Vertreter extremistischer und antidemokratischer Ideologien anzieht. Aber eben auch, eine grundgesetzkonforme Partei mit legitimen politischen Ideen und Zielen, für die sie im Rahmen des demokratischen Systems kämpft und sich engagiert. Und genauso wie es falsch ist, Die Linke pauschal mit den Ewig-Gestrigen der kommunistischen Plattform, linken Antisemiten und Sympathisanten von RAF-Terror gleichzusetzen, genauso ist es falsch, die AfD global mit den Rechtsextremen und Neonazis gleichzusetzen. Eine übertriebene Polarisierung und Stigmatisierung verhindert die notwendige kritische inhaltliche Auseinandersetzung. Ich würde mir hier medial ein ein bisschen mehr Gelassenheit wünschen und weniger Hyperventilieren.

 

„3. Nicht auf jede Provokation einsteigen“

Apropos Hyperventilieren. Frau von Storch pupst … und die Tagesthemen tanzen Polka. Selbst die von mir ansonsten hochgeschätzte Tageszeitung DIE WELT, spammt mich zeitweise in ihrer Online-Ausgabe mit Nicht-Nachrichten aus dem Mikrouniversum der Kleingeister. Es ö-de-t mich an! Es nervt! Null Information, nur Stimmungsmache. Von beiden Seiten, AfD und Medien!

Ich stimme der These voll zu und – erneut – würde mir deutlich mehr Gelassenheit wünschen. Ich zitiere aus dem ZEIT-Manifest: „Zu einer gelungenen Provokation gehört immer einer, der provoziert – und einer, der sich provozieren lässt. Zu einer Normalisierung der Debatte würde gehören, nicht mehr über jedes Stöckchen zu springen, das die AfD uns Journalisten hinhält.“ Oder wie es ein echter Experte in Sachen Populismus, der ehemalige Pressesprecher Jörg Haiders, kürzlich bei Maybrit Illner sagte, das beste Mittel gegen Populismus sei das Ignorieren der wohlkalkulierten Tabubrücke.

Eigentlich hat die AfD die optimale Medienstrategie, da können die etablierten Parteien noch richtig etwas lernen. Minimaler Aufwand, maximale Präsenz. Mit welchen ‚Nachrichten‘ es die AfD teilweise mehrmals täglich in sogenannte Qualitätsmedien schafft, ist absolut unglaublich. Das kriegt sonst vielleicht nur noch die CSU hin … aber nur im Ansatz.

 

„4. Raus aus der Spirale der Beleidigungen“

Ist das tatsächlich ein spezieller AfD-Kontext? Oder ist es nicht generell so, dass immer mehr (Menschen, Gruppierungen) immer leichter zu beleidigen sind? Ja, die Formulierung enthält eine bewusste Doppeldeutigkeit. Journalisten könnten hier hier im besten Sinne des Wortes noch mehr vermittelnd wirken. Aber dies würde ich mit nicht nur im Umgang mit der AfD wünschen, sondern ganz allgemein. Ja, ja, ich weiß … ‚Zuspitzung ist ein wichtiges journalistisches Werkzeug‘. Aber man sollte es gezielt und dosiert einsetzen. Ich bohre ja auch mit einem Hammer kein Loch (zumindest nicht vorsätzlich).

 

„5. Mit Fakten und guten Argumenten gegen Verschwörungstheorien“

Das ist mal eine echte Sisyphos-Arbeit. Vor längerer Zeit las ich, dass das Problem mit Verschwörungstheorien sei, dass man sie nie wirklich widerlegen kann. Wenn ich mir manch krude Meinungen zu Impfungen, Gentechnik oder 09/11 anschaue, muss ich leider zustimmen. Oder beispielsweise Strömungen bei den Linken, die Israel als großen Weltverschwörer sehen.  Mit Fakten kommt man überzeugten Verschwörungsgläubigen selten bei … weil die Verschwörungstheorie die Fakten der eigenen Schein-Wirklichkeit anpasst, und nicht umgekehrt.

Ich denke trotzdem, dass man Verschwörungstheorie, wie sie in Teilen der AfD überdurchschnittlich zu finden sind, aktiv, umfangreich, engagiert und unaufhörlich mit Fakten und alternativen Sichtweisen begegnen muss. Weniger um die Gläubigen zu überzeugen, sondern als notwendigen Kampf um die Deutungshoheit. Man sollte sich aber auch nicht entmutigen lassen, wenn man merkt, dass es Unverbesserliche gibt, die man damit nie erreichen wird.

 

„6. Transparent machen, wie Journalisten arbeiten“

Ein hehrer Anspruch, bei dem ich nicht sicher bin, wie realistisch er ist. Ja, Journalisten sollten das grundsätzlich tun, transparent zu machen, wie sie arbeiten, erwähnte Fakten und Informationen belegen und proaktiv zeigen, wo in ihrem Beitrag ermittelte Erkenntnisse aufhören und notwendige Interpretationen beginnen.

Auf der anderen Seite bezweifle ich ernsthaft, ob sich die „Lügenpresse“-Schreihälse mit Transparenz zur Arbeitsweise gewinnen lassen (siehe auch 5.). Ob diese sich überhaupt damit beschäftigen wollen, wie journalistische Beiträge entstehen, die nicht zwangsläufig ihre eigenen Meinung abbilden. Genauso wenig wie die Krakeeler der 68er, deren dialektisches Geschwafel sich von realen Fakten ebenfalls nicht beeindrucken lies. Ich denke, hier sollte man mit den Füssen auf dem Boden bleiben. Transparenz und Erklären: ja. Je mehr man damit erreichen kann, desto besser. Aber nicht zu viel erwarten.

 

„7. Eigene Irrtümer eingestehen, valide Argumente anerkennen“

OK, das ist jetzt vielleicht etwas provokativ. Aber offen gesagt nehme ich selber Presse und Medien nicht als besonders selbstkritisch und einsichtsfähig war. Das Eingestehen von Irrtümern ist definitiv keine ausgewiesene Kernkompetenz. Gerne wird beispielsweise in TV-Medien legitimen Gegendarstellungen mit einem kleinen sarkastischen Kommentar des Moderators hinterhergetreten. Schade fände ich, wenn es ausgerechnet die AfD bräuchte, um hier zu einer Erkenntnis und (hoffentlich) Weiterentwicklung zu kommen.

Über die grundsätzliche Problematik hinaus gibt es bei manchen Journalisten einen quasi-pawlowschen spontan-affektiven AfD-Reflex. ‚Was die sagen kann ja gar nicht richtig sein.‘ Da gibt es unter Umständen einen engen Bezug zu 1. (siehe oben). ‚Was so böse und schlimm ist, aus dessen Mund kann ja gar nicht Richtiges kommen.‘ Doch ich zitiere lieber aus dem Manifest der ZEIT-Redakteure: „[…] ein Argument wird nicht dadurch schlecht, dass die AfD es vertritt.“

Siehe auch Harald Martenstein’s ironische Bertrachtung, „Über Fakten, Phrasen und Beschimpfungen„.

 

„8. Gewöhnliche Menschen zu Wort kommen lassen“

Ja, klar. Wenn ich dadurch Anton Hofreiter, Ralf Stegner und Horst Seehofer weniger sehen muss, bin ich dabei.

Scherz beiseite. „Gewöhnlich“ ist ein schwieriges Wort. Ich denke mal, es sind alle die gemeint, die keine Berufspolitiker sind und sich nicht in deren Dunstkreis bewegen. Klar kann es hilfreich sein, wenn sich diese Menschen medial mehr und öfter abbilden, als die immer gleichen Gesichter mit den immer selben Phrasen.

Ich denke, Teil der Problematik ist aber auch eine schleichende Entfremdung zwischen Medien und nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung. Wobei sich Letztere mit ihren Ansichten und ihrer Lebenswirklichkeit offensichtlich medial/journalistisch nicht mehr reflektiert sehen. Hier würde schon helfen, weniger belehrend auf die Menschen zu wirken und ihnen (auch den AfD-Anhängern) mehr zuzuhören. Aber ich will nicht belehrend wirken …

 

„9. Die AfD weder vergrößern noch ausgrenzen“

Es gibt in der Berichterstattung über die AfD eine extreme Polarisierung. Es fühlt sich manchmal sogar so an, als würden sich manche Journalisten als natürliches politisches Gegengewicht zu den Populisten sehen … und geraten dabei manchmal selber in die Falle, ebenfalls populistisch zu argumentieren. Füsse auf den Boden! Wer sich politisch einbringen möchte, sollte das durch Engagement in und mit einer Partei oder Interessengruppe tun. Die AfD auszuschließen oder als politische Gefahr künstlich aufzublasen ist beides weder angebracht noch richtig. Dies gilt übrigens für Medien genauso wie für Politiker, die sich gemeinsamen Diskussionsrunden verweigern (siehe 1.).

 

Fazit

Meiner Meinung nach haben die beteiligten Journalisten der ZEIT-Redaktion mit Ihrem Thesenpapier einen wichtigen Beitrag zur Debatte geleistet und wichtige Handlungsanregungen für den eigenen Berufsstand gegeben. In der Summe läuft es auf mehr Gelassenheit und „coolness“ im Umgang mit der AfD hinaus. Und weniger Stigmatisierung, die eine inhaltliche Auseinandersetzung lediglich behindert. Es ist an der Zeit, die AfD medial wie eine normale Partei zu behandeln, die sich dann auch endlich denselben Maßstäben und Herausforderungen stellen muss wie alle andere. Bisher haben es viele Medien der AfD viel zu leicht gemacht.

 

Gönnen Sie sich die Freude und lesen sie das ZEIT-Manifest „Wie mit der AfD umgehen?“. Und diskutieren Sie mit …!


Siehe auch …

 

Bitte mehr Gelassenheit

Und wieder einmal hat sie es geschafft. Mit einem doppeldeutigen Twitter-Tweet  erzeugt AfD-Grande Beatrix von Storch einen erwartbaren Entrüstungssturm „des Internets“ und eine respektable Medienpräsenz. Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag.

Ich verstehe nicht, warum von Storch und Konsorten immer wieder diese Aufmerksamkeit bekommen. Man nehme eine Prise wohlkalkulierte Provokation und schon springen alle wie der Hund nach dem Stöckchen.

Der Grundsatz, dass schlechte Presse besser ist als gar keine Presse, gilt gerade und vor allem für die AfD. Sie lebt davon. Sie braucht es wie der Junkie sein Dope. Nichtbeachtung wäre fatal für diese Partei.

Ja, ich finde die These durchaus plausibel, dass Medien und Presse sowohl durch den Umfang als auch die Art und Weise der journalistische Beachtung den Aufstieg der AfD gefördert haben.

Daher unterstütze ich Jan Böhmermanns Vorschlag, von Storch „einfach mal zu ignorieren“. Ich würde mir weniger vorhersehbare, aufgescheuchte und letztlich unterstützende mediale Beachtung wünschen.

Stattdessen etwas mehr entspannte Gelassenheit.

Kurzgebratenes zur Causa Böhmermann

Ja, ja, OK … ist momentan en vogue sich mit Herrn Böhmermann zu solidarisieren bzw. gegen Herrn Erdoğan zu positionieren.

Daher ist das hier jetzt vielleicht ein bisschen Me2 … doch es ist mir wichtig, und deshalb will ich es zumindest einmal gesagt haben.

Ging  Böhmermanns Gedicht zu weit? Ja!

Muss man das als grosser, starker Mann aushalten können? Ja sicher! Getreu dem Spruch: Was juckt es eine starke Eiche, wenn eine Sau sich daran wetzt.

Doch der „arme Herr Erdoğan“ – eine Runde Mitleid bitte!* – ist wohl eher mehr Zitterpappel als Eiche.

Nein, klare Ansage von mir: „I disapprove of what you say [Böhmernann], but I will defend to the death your right to say it.“ (Evelyn Beatrice Hall)

 

Kleiner Nebenkriegsschauplatz … aus dem Offenen Brief von Matthias Döpfner in der Welt vom 10.04.2016 zitieren:

„Sobald es gegen die katholische Kirche geht, ist das Lachen des Justemilieu programmiert. Es kann gar nicht respektlos und verletzend genug sein. […] Beim türkischen Präsidenten ist das anders.“

Ich selber habe sogar einst Dirk Bach als fernsehtaugliche Gott-„Parodie“ ertragen müssen … wie witzig!* … Schenkelklopfer!* Das Bild kriege ich bis heute nicht aus dem Kopf!!!


* Achtung Satire!

 

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